Zuhören, aushalten, loslassen

Tafelleiterin Tanja Voges begleitet Menschen auf ihrem letzten Weg

© Eva Oestereich

Tanja Voges hat 24 Jahre lang die Tafel in Hallbergmoos aufgebaut und organisiert — von acht Kunden und zehn Helfern zu einer Organisation mit 87 Ehrenamtlichen und 630 registrierten Bedürftigen in Hallbergmoos, Neufahrn und Eching. Nun schlägt sie ein neues Kapitel in ihrem Leben auf: Sie begleitet Menschen auf ihrem letzten Weg. Ein Porträt einer Frau, die weiß, wann Schweigen mehr hilft als Reden.

Die Menschen haben ihr viel erzählt über all die Jahre. Voges hat gelernt, genau hinzuhören. „Zur Tafel kommt man ja nicht, weil man mal Shoppinglaune hat“, sagt sie. Voges weiß, dass Hunger nur der sichtbarste Teil schwieriger Lebensumstände ist. Hinter jedem Ausweis steckt ein Leben, das aus dem Takt geraten sei. Arbeitslosigkeit, Krankheit, Altersarmut, die Witwe, die ihren Mann nach 40 Jahren Ehe verloren hat.

Hilfe zur Selbsthilfe: Keine Phrase, sondern Haltung

Die Aufgabe der 56-Jährigen und ihrer Helfer ging immer weit über die Ausgabe von günstigen Lebensmitteln hinaus. Zuhören, aushalten, auch mal widersprechen. Tränen zulassen. Und manchmal auch einen Anstoß geben. Hilfe zur Selbsthilfe – der Leitsatz der Nachbarschaftshilfe ist keine leere Phrase, sondern eine Haltung.

Was die langjährige Tafelleiterin dabei gelernt hat, trägt sie jetzt weiter. An einen anderen Ort. Vor zweieinhalb Jahren hat sie begonnen, sich zur Sterbe- und Trauerbegleiterin ausbilden zu lassen. Hospitationen, Seminare, Gespräche. Von ursprünglich 50 Teilnehmern bleiben am Ende nur sieben. Auch ein Seminar über Trauer in der queeren Szene macht sie und denkt zunächst: ‚Was für ein Quatsch, Mensch ist Mensch.‘ Bis sie erkennt, dass es eben manchmal komplizierter ist, wenn die Verwandtschaft gar nicht weiß, wie eng ein Pärchen zusammengelebt hatte – und zur Trauer dann das ‚Außenvor-Sein‘ kommt.

Eigenes Nahtod-Erlebnis

Voges hat keine Berührungsängste. „Jeder stirbt“, sagt sie nüchtern. Ein eigenes Nahtod-Erlebnis vor 18 Jahren habe ihr die Angst vor dem Sterben genommen. „Man kann es würdevoll machen oder eben nicht.“ Ihre ersten Trauerbegleitungen hat sie inzwischen hinter sich — wobei „hinter sich“ das falsche Wort ist. Manchmal meldet sich jemand ein Vierteljahr lang gar nicht. Dann kommt aus dem Nichts eine Nachricht. Das sei dann auch okay. Trauer endet nicht, auch nicht nach Jahren, weiß Voges.

Die Frau, die im Interview die treffenden Worte für ein Thema findet, wo oft Sprachlosigkeit dominiert, betreut auch Angehörige. Familienmitglieder, die sich beispielsweise schwertun, ihre Liebsten auf der Palliativstation zu sehen. Jene, die Schuldgefühle haben, weil sie die Krankenstation nur widerwillig betreten. Ihre Arbeit beginnt oft lange vor dem Tod – und hört danach nicht auf.

Begleiten – mit und ohne Worte

Manchmal reicht ein Spaziergang ohne Gespräch. Manchmal ein Satz, der etwas löst. Oder drei Stichworte auf einem Zettel, aus denen plötzlich alles herausbricht. Und manchmal fährt sie mit Menschen in eine leere Kirche, weil es ihnen ein Bedürfnis ist, sich die Trauer dort von der Seele zu schreien. Nach leisen Versuchen kommt er – der Schrei, der die Last ein wenig erträglicher macht.

Es sind diese Momente, die sich nicht planen lassen. Und die doch Struktur brauchen. Zeitfenster, Grenzen, Selbstschutz. Voges hat gelernt, Erlebtes loszulassen: Sie selbst schreibt es sich von der Seele. Oder dreht die Musik laut auf – allein im Auto. „Wenn es draußen ist, ist es weg“, sagt sie. Und sie kann abends auf ein Konzert gehen, tanzen und das Leben genießen.

Voges begleitet Sterbende ehrenamtlich. Sie arbeitet in der Verwaltung des Neufahrner Freizeitparks. Ein bewusster Schritt, sagt sie. Nach Jahren mit viel Kontakt zu Menschen, an vorderster Front, ein Schritt zurück in die zweite Reihe.

Ein bisschen Abstand hilft

Auch räumlich hat sie ein wenig Distanz geschaffen. Sie wohnt nicht mehr in Hallbergmoos, lebt nun mitten in Erding. Ein bisschen Abstand hilft – ihr und den anderen. Wer bei ihr weint, soll sich nicht am nächsten Tag schlecht fühlen, wenn er ihr in Hallbergmoos begegnet und lacht. „Genau das ist ja das Ziel: dass man wieder lachen kann“, sagt sie.

Ihren Abschied von der Tafel hat sie sich leiser vorgestellt. Ohne großes Tamtam. Daraus wurde nichts. Drei Bürgermeister – aus Hallbergmoos, Neufahrn und Eching – sind gekommen, die Familie ist da, Wegbegleiter. Ihre beiden Kinder, 23 und 28 Jahre alt, „rechnen ab“ – halb im Scherz, halb im Ernst. Die Tafel sei immer das erste Kind gewesen, sagen sie ohne Groll. Termine, Anrufe, Tüten vor der Haustür. Voges lächelt.

Vielleicht gehört auch das zu dieser Geschichte: dass Engagement seinen Preis hat. Und dass man ihn irgendwann neu verhandeln muss. Voges wirkt nicht wie jemand, der etwas hinter sich lässt. Eher wie jemand, der etwas mitnimmt. Gespräche, Erfahrungen, vielleicht auch eine gewisse Gelassenheit gegenüber dem, was kommt.

„Es hat alles seine Zeit“, sagt sie. Es klingt nicht wie ein Abschied. Sondern wie ein Anfang. Ein Anfang am Ende des Lebens.

Leute, Topnews

Dieser Artikel erscheint in der Ausgabe:

- Anzeige -
Die jüngsten Ausgaben

Beitrags Archive

Neueste Artikel
- Anzeige -

Das könnte Sie interessieren

Das Neueste aus Hallbergmoos

Weitere Artikel