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Wer Flügel hat, braucht keine Beine

Christina Wechsel hat schwere Schicksalsschläge gemeistert - und macht anderen Menschen Mut

Bei einem Unfall verlor Christina Wechsel ihr Bein. Heute geht sie auf Berge, Skifahren und Paragliding. Sie macht anderen Menschen Mut. © Andrea Mühleck

Christina Wechsel hat drei schwere Schicksalsschläge innerhalb eines Jahres durchlebt: Ihre Mutter starb an Krebs, sie verlor ihren besten Freund bei einem Autounfall in Australien. Sie selbst wurde dabei schwer verletzt, kämpfte um ihr Leben und verlor ihr linkes Bein. Wie man es schafft, in den schlimmsten und schmerzhaftesten Momenten, den Mut nicht zu verlieren: Darüber hat die 39-jährige Münchnerin, die in Hallbergmoos (Landkreis Freising) aufgewachsen ist, zusammen mit ihrer Freundin, der Journalistin Julia Heyne aus Freising ein Buch geschrieben: „Wer Flügel hat, braucht keine Beine“ ist gerade erschienen.

Kanada, Griechenland, Deutschland: Sie sind auf der ganzen Welt aufgewachsen – einen Teil ihrer Kindheit haben Sie auch in Hallbergmoos verbracht. Wie erinnern Sie sich daran?

Christina Wechsel: Ich bin ziemlich multikulti in Montreal aufgewachsen, später lebten wir auch in Griechenland. Als ich acht Jahre alt war, zogen wir nach Hallbergmoos. In der Grundschule habe ich mich, mit meinem Akzent, erst einmal schwergetan, weil ich kein bayerisch verstand. Aber ich hatte damals eine unheimlich liebevolle Nachbarin, die wie eine Oma für mich war. Dank ihr wurden nicht nur Semmelknödel mit Schwammerlsoße meine Leibspeise, ich habe auch Bayerisch gelernt.

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Warum kam ihre Familie überhaupt nach Hallbergmoos?

Meine Eltern haben damals das Mövenpick-Hotel aufgebaut: Mein Vater Albert Wechsel als Direktor, meine Mutter Annamaria als Personalleiterin. Später praktizierte sie als Heilpraktikerin in Hallbergmoos.

‚Schicke das Kind, das du liebst, auf Reisen. ‘ Was hat es mit diesem japanischen Sprichwort auf sich?

Ich sah diesen Spruch bei einer Party am Badezimmerspiegel eines Freundes. Er hat etwas in mir bewirkt. Dass es im Leben darum geht, Erfahrungen zu sammeln. Es war die Initialzündung dafür, eine Weltreise zu planen. Seitdem klebten die Worte auch an meinem Spiegel und erinnerten mich täglich daran.

Als die Weltreise gebucht war, hat sie der erste Schicksalsschlag getroffen.

Ich bin mit 21 Jahren nach Zürich gezogen, um als Hotelfachfrau das Geld für meine Weltreise zu verdienen und angefangen, die Route zu planen. Dann erkrankte meine Mutter an Krebs und ich legte die Pläne auf Eis. Ein halbes Jahr später rief sie mich an, sagte sie sei gesund und ich solle die Reise ruhig buchen. Das Ticket war gekauft, als meine Mutter zurück in die Klinik musste, weil es ihr wieder sehr schlecht ging. Sie ist mit 57 Jahren, zwei Tage nach ihrem Geburtstag, verstorben.

Wie sind mit dem Verlust umgegangen?

Die Trauer war überwältigend. Als wir die Sachen meiner Mutter ordneten, bin ich auf ihr Lieblingsbuch „Der Alchimist“ von Paolo Coelho gestoßen. Es erzählt von einem Hirtenjungen, der auf Reisen geht, um einen Schatz zu finden. Ich hab’s als Zeichen meiner Mami gesehen, dass es in ihrem Sinne wäre, meinen Traum von der Weltreise zu verwirklichen.

Ein halbes Jahr später ging es nach Australien und Neuseeland.

Ja, ich hatte dafür ein Jahr eingeplant. Im Oktober 2006 ging’s los.

Ihr Traumreise mündete in einer Tragödie.
Auf dem Weg zum Ayers Rock im australischen Outback hatten wir – wir waren zu viert im Auto – einen schweren Autounfall. Mein sehr guter Kumpel starb noch am Unfallort. Ich selbst war schwer verletzt.

Sie lagen sechs Wochen auf der Intensivstation.

Die Ärzte kämpften um mein Leben – und um mein Bein. Ich hatte schwere innere Verletzungen, eine kollabierte Lunge, innerliche Verletzungen, ein angerissene Beinarterie. Der linke Unterschenkel musste amputiert werden.

Wie haben Sie es geschafft, zu überleben?

Ich habe aus Liebe zu meinem Vater und Bruder gekämpft. Ich selbst kann mich daran nicht erinnern, aber der Arzt der Flying Doctors erzählte meinem Vater, was ich auf dem Flug vom Unfallort nach Adelaide zu ihm sagte: Er solle ja einen guten Job machen und mich lebend ins Krankenhaus bringen. Weil vorher meine Mutter an Krebs gestorben ist und ich das meiner Familie nicht antun kann.

Wie ging es weiter?

In Australien war ich sieben Wochen in der Klinik, anschließend vier Monate in Murnau. Dort ging‘s darum, körperlich und seelisch zu heilen. Die Sinnfragen ‚Warum gerade ich? Warum so kurz nach dem Tod der Mami? Warum gerade jetzt, wo ich meinen Traum verwirklichen will?‘ haben mich sehr beschäftigt.

Haben Sie Antworten gefunden?

Die Antwort ist, dass es auf manche Fragen keine Antwort gibt. Und es nicht darum geht, was einem im Leben passiert, sondern wie man darauf reagiert. Das Kraftvollste, was wir geschenkt bekommen haben, ist der eigene freie Wille. Wir können entscheiden, wie wir mit dem Leben umgehen wollen. Ich bin nicht dem Schicksal ausgeliefert, sondern kann aktiv selbst etwas daran ändern.

Sie nennen ihren Stumpf „kleines Bein“.

Ja. Stumpf ist ein Begriff ohne Wert. Mein Bruder Thomas war derjenige, der in Australien auf die Idee kam, es „little leg“ zu nennen.

Heute treiben Sie wieder Sport, gehen Klettern, Wandern, Skifahren, Tauchen und Paragliden. Es scheint, als gäbe es für sie keine Grenzen.

Meine größte Motivation nach dem Unfall war, wieder auf die Beine zu kommen und zu gehen. Man kann nie sagen, ob etwas möglich ist – man muss es ausprobieren. So findet man auch einen immer einen Weg und Problemlösungen. Wenn wir unserem Herzensweg folgen, sind unsere Möglichkeiten grenzenlos. Die wahren Grenzen sind in unserem Kopf.

Sie haben sich beruflich umorientiert. Hat das mit ihrem ihren Schicksalsschlägen zu tun?

Ja. Ich bin Heilpraktikerin und habe eine eigene Naturheilpraxis in München. Ich begleite Menschen, die eine Amputation erlebt haben und unter Phantomschmerzen leiden. Ich habe selbst darunter gelitten und alles Mögliche dagegen ausprobiert. Erst alternative Heilmethoden, die ich durch meine Mutter kannte, haben mir geholfen. Nun begleite ich auch als ‚Peer‘ im Rahmen des PiK-Projektes andere Betroffene in Krankenhäusern.

Was hat sie motiviert, dieses Buch zu schreiben?

Ausgangspunkt war ein Frauen-Netzwerk-Treffen gewesen, wo ich völlig unvorbereitet auf der Bühne stand und meine Geschichte erzählt habe. Da habe ich erstmals erlebt, was meine Geschichte bei anderen Menschen auslöst.

Sie suchen immer wieder nach neuen Herausforderungen. Was steht noch auf ihrer Bucket List?

Ich werde im Herbst mit meinem Mann für ein Jahr nach Kapstadt ziehen – es ist ein Ort, zwei Dinge vereint, die ich so sehr liebe: Die Berge und das Meer. Vielleicht werde ich dort auch mein zweites Buch schreiben. Der Ayers Rock ist natürlich immer noch mein Ziel. Dorthin habe ich es immer noch nicht geschafft. Im März 2020 war der Flug schon gebucht, aber dann kam die Pandemie dazwischen. Ich werde definitiv noch an diesen spirituellen Ort reisen. Er zieht mich magisch an und ist nicht umsonst der Heilige Berg der Aborigines.

Interview: Eva Oestereich

Fotos: © Andrea Mühleck

Gesellschaft, Leute, Topnews

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