Die Symptome der Demenz sind gut beschrieben, doch ihre genaue Ursache ist weiterhin Gegenstand intensiver Forschung. Darauf wies Dr. med. Cihan Catak bei einem Vortrag am Montag, 21. September, im Ratssaal des Hallbergmooser Rathauses hin. Der in Freising ansässige Facharzt für Neurologie sowie für Psychiatrie und Psychotherapie gab anlässlich der Demenzwoche in Hallbergmoos (Landkreis Freising) einen Überblick über Krankheitsformen, Warnzeichen, Risikofaktoren und den Stand der medizinischen Forschung.
Rund 44 Interessierte, darunter auch Besucher aus Neufahrn, waren gekommen. Catak erinnerte an den Beginn der Alzheimer-Forschung: Anfang des 20. Jahrhunderts beschrieb Alois Alzheimer erstmals die später nach ihm benannte Krankheit, nachdem er den Krankheitsverlauf von Auguste Deter untersucht hatte. Heute leben in Deutschland rund 1,8 Millionen Menschen mit Demenz; bis 2060 könnte ihre Zahl auf bis zu 3,3 Millionen steigen. Der wichtigste Risikofaktor ist das Alter. Etwa 50 bis 60 Prozent der über 100-Jährigen sind betroffen. Weil Frauen im Durchschnitt länger leben als Männer, erkranken sie häufiger.
Der Verlauf der Erkrankung wird zunächst als milde Phase beschrieben, die etwa zwei bis sechs Jahre dauern kann. Daran kann sich eine moderate bis schwere Phase anschließen, die ein bis sieben Jahre anhält. Demenz ist dabei ein Oberbegriff für verschiedene Erkrankungsformen. Auf die Alzheimer-Demenz entfallen etwa 50 bis 70 Prozent der Fälle. Weitere Formen sind die Lewy-Körper-Demenz mit rund fünf Prozent und die vaskuläre Demenz mit etwa 15 Prozent. Bei Letzterer führen Durchblutungsstörungen im Gehirn zu einem Nachlassen der geistigen Fähigkeiten – nach einem oder mehreren kleineren Schlaganfällen oder auch ohne erkennbaren Schlaganfall. Die frontotemporale Demenz äußert sich häufig durch Persönlichkeitsveränderungen und entsteht durch das Absterben von Nervenzellen im Stirn- und Schläfenbereich. Daneben gibt es Mischformen und weitere seltenere Demenzen.
Warnzeichen ernst nehmen
Wenn Störungen des Kurzzeitgedächtnisses, der Konzentration oder der Orientierung häufig und über längere Zeit auftreten, sollte ärztlicher Rat eingeholt werden, so der Rat des Mediziners. Hinweise können etwa vergessene Terminvereinbarungen oder zunehmende Schwierigkeiten sein, sich in einer neuen Umgebung zurechtzufinden. Auch deutliche Schwankungen der Stimmung oder der geistigen Leistungsfähigkeit sollten abgeklärt werden.
Solche Symptome müssen jedoch nicht zwangsläufig auf eine Demenz hinweisen. Mögliche Auslöser sind Stress, Burn-out, seelische Belastungen, Depressionen oder hormonelle Veränderungen, etwa in den Wechseljahren. Auch eine Schilddrüsenunterfunktion, erhöhter Hirndruck im Alter oder ein Tumor können vergleichbare Beschwerden verursachen. Hinzu kommen mögliche Nebenwirkungen von Medikamenten, beispielsweise von Schmerzmitteln oder Blutdrucksenkern. Um die Ursache der Störungen genau zu klären, empfiehlt Catak deshalb eine ärztliche Untersuchung.
Viele Risikofaktoren, neue Forschungsansätze
Zu den bekannten Risikofaktoren zählen Hirnverletzungen, Rauchen, körperliche Inaktivität, Alkoholkonsum, Übergewicht, Luftverschmutzung, Diabetes, erhöhte Cholesterinwerte, Bluthochdruck, Depressionen, Seh- und Hörverlust, soziale Isolation sowie geringe Bildung. Welche Vorgänge die Krankheit letztlich auslösen, ist nach Angaben des Referenten jedoch weiterhin ungeklärt. Bereits 1907 wurden erstmals Amyloid-Plaques nachgewiesen – schädliche Proteinablagerungen an Nervenzellen.
Lange konzentrierte sich die Forschung vor allem auf diese Ablagerungen. Heute gelten sie allerdings eher als Symptom der Erkrankung denn als deren alleinige Ursache. Inzwischen stehen Medikamente zur Verfügung, die den Verlauf in frühen Phasen verlangsamen können. Zudem existieren Testverfahren, die Hinweise darauf geben, ob ein Mensch in den folgenden 17 bis 20 Jahren an Demenz erkranken könnte. Diese Untersuchungen seien jedoch zeitaufwendig und kompliziert. Ob man ein solches Wissen überhaupt erhalten möchte, müsse jeder für sich entscheiden, sagte Catak.
Der Mediziner, der selbst 20 Jahre lang geforscht hat, verwies zugleich auf die stark gestiegene Zahl an Forschungsprojekten: Neue Wege und neue Erklärungsansätze würden intensiv geprüft. Nach dem Vortrag nahm sich Catak noch lange Zeit für die Fragen des Publikums. Die Besucher dankten ihm mit viel Beifall und Anerkennung.