Mit der turbulenten Boulevardkomödie „Mann über Bord” verlässt die Moosbühne Graf Hallberg gewohnte Pfade. Statt hintergründigem bayerischen Volkstheater präsentiert man heuer locker-leichte Theaterkost. Das spielfreudige Ensemble mit vielen jungen Darstellern entführt das Publikum auf die MS Bratislava: Die Donaukreuzfahrt wird zum quirligen Tummelplatz von Missverständnissen, Ehekrisen und eigenwilligen Charakteren.
Martin „Schuki“ Schuster brilliert als wehleidiger Hypochonder
Zur Auswahl des Stücks sagt Regisseurin Christine Wimmer: „Wir setzten heuer bewusst auf ein leichtes, vergnügliches Boulevardstück. Die Zeiten sind schwer genug. Das Publikum soll sich einfach amüsieren.“ Im Mittelpunkt steht Erwin Müller, gespielt von Martin Schuster: ein Hypochonder par excellence, der aus jedem Zipperlein – vom Herpes über Dornwarzen bis zu bizarren Phobien – ein medizinisches Großereignis macht. Schuster verkörpert diese Figur mit bewundernswertem komödiantischem Feingefühl – so weinerlich, selbstmitleidig und überzeugend larmoyant, dass man gar nicht anders kann als herzhaft zu lachen. An seiner Seite erträgt Ehefrau Luise (Kati Eigner ) die Macken mehr oder weniger geduldig – in der hoffnungsvollen Erwartung, bald Ballast abwerfen zu können. Mit diesem Wunsch steht sie, wie sich herausstellt, nicht alleine da.
An Bord: Ein Panoptikum schräger Exzentriker
Um sie herum entfaltet sich in der Schiffsbar ein Panoptikum von Exzentrikern: Der resignierte Otto Huber (Robert Walter) an der Seite seiner „All inclusive“-orientieren Frau Elfriede (Carina Gebhard), die einen urkomischen Umgang mit Fremdwörtern pflegt. Höchst amüsante Akzente steuern Harry Kindshofer in der Rolle des selbsternannten Lebemanns „Will“ Schneider und seine devote, um Orientierung ringende Gattin Irmgard (Christina Karl) bei.
„Eine Flußkreuzfahrt ist Leben am Limit“
Liebevoll überzeichnet präsentieren sich die weiteren Akteure: Jonas Karl als geschäftstüchtiger Versicherungsvertreter mit ausgeprägter Angststörung („Eine Flußkreuzfahrt ist Leben am Limit“) reist in Begleitung seiner resoluten Mutter Ernestine – Regisseurin Christine Wimmer steht ausnahmsweise selbst auf der Bühne – und der resoluten Großmutter Hannelore Schreck (Gisela Edelmann) – drei Generationen, viele Lacher.
Die Prophezeiungen der Ophelia
Stewart Lothar (Markus Streitberger) und Reinigungskraft Erna Kowalsky – die wunderbare Karin Troidl – komplettieren das Bordpersonal. Besondere Würze bringt Sophia Troidl als geheimnisvolle, Champagner-affine Wahrsagerin Madame Ophelia ins Spiel. Ihre Prophezeiung heizt das Chaos auf dem Schiff an. Marion Bäuerle verleiht als Pianistin Natalia die elegante musikalische Kreuzfahrt-Note – mit durchaus ausbaufähigem musikalischem Repertoire.
Die eigentliche Stärke der Inszenierung liegt im Ensemble als Ganzes. Die Laienschauspieler agieren mit Spielfreude und gutem Timing. Pointen sitzen, Dialoge wirken lebendig, und die Dynamik zwischen den Figuren trägt die Aufführung weit mehr als jeder Bühneneffekt es könnte. Das aufwändige Bühnenbild – die Einrichtung im schwülstigen Salon-Stil und das im Bild vorbeiziehende Ufer – trägt ein Übriges zu dem stimmigen Gesamtbild bei. Amateurtheater im besten Sinne – mit Herzblut, Humor und einem Ensemble, das sein Publikum einfach mitreißt. Wer einen unbeschwerten Theaterabend sucht, ist hier goldrichtig.