In Stein gemeißelt

Die Bildhauerin Roswitha Prehm haucht dem Ortsgründer neues Leben ein

In der Werkstatt des Seiboldhauses im Schlossgut Erching liegt Steinstaub, Kreativität und Geschichte in der Luft. Roswitha Prehm stellt die Kaffeetasse zur Seite und hievt den Prototypen ihres jüngsten Werks aus dem Regal: Die Büste von Karl Theodor Maria Hubert Isidor von Hallberg-Broich. Ein ganz schön schwerer Brocken.

Und ein Gesicht, das die 61-Jährige aus wenigen historischen Quellen rekonstruieren musste. Diese Herausforderung ist Sinnbild der Arbeit der Steinbildhauerin. Denn der 61-Jährigen standen nur zwei historische Bildquellen zur Verfügung: ein Gemälde im Rathaus, das den Ortsgründer als alten, vom Leben gezeichneten Mann zeigt, und eine Zeichnung, die wie von einer anderen Person zu stammen scheint.

„Ich hab‘ ihn ein bisschen jünger gemacht“, erklärt Prehm ihre Interpretation. „Er war ja auch ein Weltenbummler und hätte sich wahrscheinlich über den Flughafen gefreut.“ Diese Überlegung zeigt ihren Ansatz: Geschichte nicht nur zu kopieren, sondern zu verstehen. Warum den Freiherrn als gebrochenen Greis darstellen, wenn er doch ein wildes, weitgereistes Leben geführt hatte?

- Anzeige -

„Was weg ist, ist weg“

Der Weg vom Tonmodell zur fertigen Büste führt über das traditionelle Punktierverfahren. Dabei wird ein Gipsmodell mit kleinen Punkten versehen, die ein spezielles Gerät nutzt, um die exakten Proportionen auf den Stein zu übertragen. Fehler sind nicht korrigierbar. „Beim Stein gilt: Was weg ist, ist weg“, sagt Prehm pragmatisch. Der „Strubbel-Bart“ des Freiherrn musste vereinfacht werden, eine markante Haarsträhne konnte nur angedeutet werden – sonst hätte er eine „Punkfrisur“ getragen, scherzt Prehm.

Für die Hallberg-Büste wählte sie italienischen Kalkstein, ein helles Material, das zur bereits vorhandenen Grabplatte des Freiherrn passt, die neben der Büste im Rathausfoyer hängt. Zwei bis drei Monate arbeitete sie an dem Projekt – mit Unterbrechungen. „Ich kann nicht acht Stunden daran arbeiten, weil wenn man so nah dran ist, dann sieht man das irgendwann nicht mehr.“ Der nötige Abstand zum Werk verlängert jeden Auftrag.

Zwischen Auftragsarbeit und freier Kunst

Die 1964 in der Altmark geborene Künstlerin kam 1989 nach Bayern. Nach einer Steinmetz-Ausbildung und dem Meisterabschluss in Freiburg 1999 etablierte sie sich in Hallbergmoos. Heute, nach über 20 Jahren in der örtlichen Künstlergemeinschaft, ist ihr Werk vielfältig: Grabdenkmäler, Porträts, Gartenskulpturen. Besonders stolz ist sie auf individuelle Lösungen – etwa wenn ein Schmiedegitter des verstorbenen Onkels in ein Grabdenkmal integriert wird.

„Mal muss man ganz genau arbeiten, dann wiederum sehr kreativ sein“, beschreibt sie ihre Tätigkeit. Bei knappem Budget wird sie pragmatisch: Für eine Beethoven-Büste goss sie eine käufliche Gipsbüste in wetterfesten Beton. „Ich schau immer, dass ich denen entgegenkomme.“

Die Hallberg-Büste, finanziert vom Heimat- und Traditionsverein und der Gemeinde geschenkt, steht nun im Rathausfoyer. Ursprünglich sollte sie bereits im vergangenen Frühjahr aufgestellt werden, doch Bauarbeiten verhinderten dies. Pünktlich zur aktuellen Rathausausstellung hat der Ortsgründer seinen würdigen Platz gefunden.

Symbiose aus handwerklichem Können und historischem Verständnis

Die Büste steht exemplarisch für Prehms Kunst: die Verbindung von handwerklichem Können und historischem Verständnis, von Präzision und Interpretation. In einer Zeit digitaler Rekonstruktionen schafft sie mit Hammer und Meißel bleibende Erinnerungen in Stein.

Feierliche Enthüllung: Archivarin Martina Paringer (links) und Roswitha Prehm.
Gesellschaft, Leute, Topnews

Dieser Artikel erscheint in der Ausgabe:

- Anzeige -
Die jüngsten Ausgaben

Beitrags Archive

Neueste Artikel

Das könnte Sie interessieren

Keine Ausahmen

Hallbergmooser Gemeinderat hält an strenger Plakatierungsverordnung fest - Keine Ausnahmen vor der Kommunalwahl am 8.März 2026

Das Neueste aus Hallbergmoos

Weitere Artikel