Es ist eine Entscheidung mit Tragweite: Mit deutlicher Mehrheit hat der Gemeinderat am Dienstag den Weg für eine mögliche Ansiedlung des Rüstungsunternehmens Helsing GmbH geebnet. Nach rund 90 Minuten sachlicher Debatte votierte das Gremium mit 16:6 Stimmen für die Einleitung eines Änderungsverfahrens beim Flächennutzungsplan. Ziel: Die Senderwiese im Süden der Gemeinde soll zu einem Sondergebiet für Produktionsbetriebe der Landesverteidigung werden. Das Unternehmen plant eine sogenannte Resilience Factory.
Die Diskussion machte schnell klar: Es geht Grundsatzfragen: Wie viel Natur darf für wirtschaftliche Entwicklung geopfert werden? Welche Rolle spielt Hallbergmoos in einer angespannten sicherheitspolitischen Lage? Und welche Chancen – aber auch Risiken – bringt ein rasant wachsendes Rüstungsunternehmens mit sich?
Bürgermeister Benjamin Henn (FW) stellte gleich zu Beginn die Dimension des Vorhabens heraus. Die rund 78 Hektar große Senderwiese könnte in Teilen – etwa 45 Hektar – von Helsing genutzt werden. Er sprach von einem „Vorhaben mit erheblicher sicherheitspolitischer Relevanz“, betonte aber zugleich die ökologische Verantwortung.
Auch die Standortfaktoren spielten eine Rolle: die Nähe zur S‑Bahn, die Größe der Fläche und die Einbettung in bestehende Strukturen im Münchner Norden. Henn stellte zudem klar, dass in Hallbergmoos weder Explosivstoffe noch Schwermetalle verarbeitet oder gelagert werden sollen. Helsing entwickle vor allem KI-basierte Systeme und unbemannte Plattformen.
„Nukleus moderner Verteidigungstechnologie“
Deutschland-Chef Wolfgang Gammel präsentierte das 2021 gegründete Unternehmen als innovativen Treiber der Verteidigungsindustrie. Der langjährige Airbus-Ingenieur und Eurofighter-Manager warb für Transparenz, machte aber auch deutlich: Angesichts globaler Bedrohungen zähle Geschwindigkeit. Der Standort könne zu einem „Nukleus moderner Verteidigungstechnologie“ werden.
Kritik kam vor allem aus den Reihen von SPD, Grünen, CSU und Einigkeit – mit einem gemeinsamen Nenner: dem Standort. Die Senderwiese dürfe aus ökologischen und generationenpolitischen Gründen nicht angetastet werden.
Keine „Wette auf die Zukunft“
SPD-Fraktionssprecher Stefan Kronner erinnerte daran, dass die Fläche bewusst als Reserve für kommende Generationen freigehalten worden sei. Gemeinderat Marcus Mey äußerte Zweifel an der wirtschaftlichen Stabilität des Unternehmens und sprach von einer „Wette auf die Zukunft“. Zugleich warnte er vor der unwiederbringlichen Versiegelung einer der größten Freiflächen im Münchner Norden.
Markus Loibl (Einigkeit) sprach offen von einem inneren Konflikt: Zwischen Landesverteidigung und Technologiestandort auf der einen sowie Flächenverbrauch auf der anderen Seite. Es sei eine der schwierigsten Entscheidungen seiner Amtszeit. Am Ende gab er jedoch Forschung und Entwicklung in Hallbergmoos den Vorrang.
Auch die Grünen kritisierten offene Fragen beim Naturschutz. Sabina Brosch und Robert Wäger bemängelten fehlende Klarheit bei Ausgleichsmaßnahmen, beim Artenschutz und bei möglichen Alternativstandorten. Ein bereits versiegeltes Areal sei aus Kostengründen verworfen worden.
Wirtschaftsförderer Alexander Mademann betonte, alternative Flächen seien geprüft, aber als ungeeignet verworfen worden. Zugleich habe die Gemeinde zuletzt Unternehmen verloren – Helsing könne helfen, wieder einen technologischen Schwerpunkt zu setzen – mit Sogwirkung für weitere Unternehmen.
Chance für zukunftsweisenden Technologiestandort
Die Befürworter – vor allem Freie Wähler und Teile der CSU – hielten dagegen: Deutschland trage sicherheitspolitische Verantwortung, Hallbergmoos habe die Chance auf einen zukunftsweisenden Technologiestandort. Zudem verwiesen sie auf die verkehrsgünstige Lage, sinkende Gewerbesteuereinnahmen und die langfristige Entwicklung der Gemeinde.
„Die Gemeinde hat Mut in ihrer DNA“
Immer wieder fiel ein Begriff: Mut. Die Gemeinde habe sie „in ihrer DNA“ verankert, betonten Christian Krätschmer (FW). Große Projekte wie der Munich Airport Business Park oder die Surftown MUC seien anfangs ebenfalls umstritten gewesen – und heute Erfolgsgeschichten.
„Glanzstunde der Demokratie“
Mit Blick auf die ausführliche Abwägung von Für und Wider im Rat sprach Tanja Knieler (CSU) von einer „Glanzstunde der Demokratie“. Viele Rätinnen und Räte hätten mit sich gerungen „und schlecht geschlafen“. Die Bedenken zum Naturschutz seien berechtigt. Dennoch überwögen für sie Verantwortung in der Landesverteidigung sowie Chancen durch neue Technologien – auch mit Blick auf zivile Anwendungen.
Am Ende fiel die Entscheidung klar aus: Mit 16:6 Stimmen hob der Gemeinderat den bisherigen Beschluss auf, die Senderwiese in dieser Wahlperiode nicht zu entwickeln, und leitete das Änderungsverfahren ein. In der anschließenden Bauausschuss-Sitzung folgte mit 8:3 Stimmen der Aufstellungsbeschluss für den Bebauungsplan.
Damit beginnt nun ein mehrstufiges Verfahren – mit Umweltgutachten, Detailplanungen sowie der Beteiligung von Bürgern und Behörden. Die Debatte dürfte Hallbergmoos noch länger begleiten.
Bevölkerung kann sich selbst ein Bild machen
Am Donnerstag, 25. März, ist die Bevölkerung um 19 Uhr zu einer Informationsveranstaltung im Gemeindesaal (Theresienstr. 6) eingeladen. Anwesend sind Bürgermeister Benjamin Henn, Landrat Helmut Petz, Wirtschaftsreferent Marcus Mey, Wirtschaftsförderer Alexander Mademann sowie Vertreter des Unternehmens Helsing.