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Ein Gefühl von Freiheit

... und was ein Brett mit zwei Achsen und vier Rollen verändern kann

Richard Schulz - Globetrotter auf vier Rollen. © Angermair

Es ist Dienstag. Ich gehe dick eingepackt durch den Sportpark. Wir haben Mitte Oktober und das Wetter lässt keine Zweifel mehr offen: Es ist Herbst geworden. Und dunkel für diesen frühen Abend. Konturlos erkenne ich von der Ferne aus den Skatepark. Mit jedem Schritt wird das Surren, Klackern und Schleifen deutlicher. Geräusche von Holz auf Teer, von Metall auf Beton. Mit ihnen kommt ein Gefühl in mir auf. Das Gefühl von Jugend, späten Sommerabenden und vor allem: Freiheit. Habe ich doch so viele Stunden nach der Schule genau hier verbracht. Zwischen Hindernissen wie Curbs, Rails und Rampen. Zwischen Freunden.

Geskatet? Bin ich nie. Zumindest nicht erfolgreich. Und trotzdem hat das Zusehen, das Zusammensein, schlicht die Atmosphäre etwas mit mir gemacht. Das ist für mich Jugend. Eine Erinnerung. Ein Gefühl. Fest verankert.

Richard Schulz – Globetrotter auf vier Rollen

Als meine Füße die Skate-Fläche betreten, suche ich nicht lange nach Richard Schulz. Er fährt auf seinem Board. Übt an Tricks und wirkt dabei sehr vertieft, in dem was er tut. In seinem Element. Seine Freunde sitzen am Rand. Sehen ihm zu, reden, lachen und ihre Füße lassen die Skateboards langsam von einer Seite auf die andere rollen. Richard Schulz ist oft hier. Wenn das Wetter mitspielt jeden Tag. Mal im Hallbergmooser Skatepark. Dann wieder in Freising oder München. Wenn er die Herausforderung sucht, geht er auf die Straße. Öffentliche Plätze, Gassen, Parks. Die Straße bietet viel. Viel Reiz.

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Auf dem Board steht der 19-Jährige Hallbergmooser seit sechs Jahren. Davor war er viel mit dem Fahrrad unterwegs. Irgendwann hat sein Nachbar und Freund ein eigenes Rail in ihrer Straße aufgebaut. Eine Metallstange, an der man viele Tricks mit dem Skateboard machen kann. Richi, wie ihn manche seiner Freunde nennen, hat dort viel Zeit verbracht. Viel zugeschaut, viel gelernt. Und Gefallen an der Sache entwickelt. Er wollte es selbst ausprobieren, erleben. Also holte er sich ein Board. Eines, das sein Kumpel nicht mehr gebraucht hat.

Die ersten Erfahrungen sammelte er auf der Straße. Darauf ist er auch bis heute „hängen geblieben“, erzählt er. Zunächst versuchte er sich an einfachen Tricks. Um ein Gefühl dafür zu bekommen. Für das Zusammenspiel von Körper und Skateboard. Sein erster gelandeter Trick war ein „Ollie“ – ein Sprung – die Basis für alles Weitere. Lange hat er dafür nicht gebraucht. „Das ging recht schnell“, erinnert er sich.

Tricks funktionieren selten auf Anhieb

Phasen, in denen man deprimiert ist, gibts trotzdem. Tricks funktionieren selten beim ersten Mal. Es können Tage und Wochen vergehen. Manchmal auch Monate, bis es endlich klappt. Verletzungen? „Gehören da einfach dazu“, schmunzelt Richard. Blaue Flecken und aufgeschürfte Knie sind ganz normal. Am schmerzhaftesten war, als er sich beim Skaten das Sprunggelenk gebrochen hat. Nach sieben Wochen war er zurück. Auf dem Brett, auf der Straße, im Skatepark. Die Lust am Skaten hat er noch nie verloren. Und wenn er an sein Board und alles was dazu gehört denkt, dann ist er dankbar. Dankbar, dass er zum Skaten gekommen ist. Dankbar, für die vielen coolen Leute, die er dadurch kennengelernt hat. Obwohl es ein Einzelsport ist. „Skater sind eine richtige Gemeinschaft, jeder hält zusammen“, so Richi.

Berlin, Ljubljana, Barcelona

Aber auch dankbar für die vielen Orte auf der Welt, die er durch den Sport sehen durfte. Seine Freunde und er reisen viel. Hauptsächlich um zu Skaten und Videos davon zu drehen. Ljubljana, Berlin und das Highlight: Barcelona. Das „Mekka fürs Skaten“, schwärmt der Schüler. Die Videos stellen die Freunde dann ins Internet. Dafür werden sie gesponsert. Von EMillion, einer Firma aus Süddeutschland, welche Holzbretter für Skateboards herstellt. Für Videos und Teilnahme an Wettbewerben gibt’s Bretter. Beim 12. Beatboard Skatecontest in Pfaffenhofen wurde Richard mal Dritter. Contests fährt er ansonsten nicht so gern. „Das hat für mich nicht mehr viel mit Skaten zu tun“, erklärt er. Für ihn bedeutet Skaten, dass jeder machen kann was er will. Jeder macht seine Tricks. Jeder kann seinen ganz eigenen Style haben. „Man kann sich frei ausleben“, fasst er zusammen. Ein Gefühl von Freiheit.

Profi-Karriere?

Nach dem Abitur möchte er sich jedoch nicht hauptberuflich dem Skateboard widmen. „Das ist in Deutschland ziemlich schwer. Und irgendwie ist es auch ziemlich riskant. Wenn man sich einmal wirklich verletzt, ist man raus und steht mit nichts da“, so Richard. Stattdessen möchte er seine zweitliebste Freizeitbeschäftigung zum Beruf machen und eine Lehre im Bereich Motorradtechnik beginnen. Skaten soll weiterhin ein Hobby sein. Sein Hobby. Sein Sport, in dem er immer besser werden möchte, neue Tricks lernt, neue Städte erkundet und neue Leute kennenlernt.

Gefühlsachterbahn

Die letzten fünf Jahre auf dem Board haben sein Leben stark geprägt. Schmunzelnd erzählt Richie, dass „es eigentlich ein bisschen absurd ist, aber man Dinge ganz anders sieht. Wenn man durch einen Ort fährt, guckt man direkt, wo man skaten könnte. Man bekommt einen genaueren Blick“. Einen genaueren Blick für das, was einen umgibt. Doch Skaten ist mehr als das. Der Prozess bis ein Trick funktioniert ist für ihn das Bewegendste.  Wie eine Gefühlsachterbahn. „Man gelangt so oft an seine physischen und psychischen Grenzen, aber man kann einfach nicht aufhören. Das Gefühl, am Ende etwas geschafft zu haben, was man sich selbst hart erarbeitet hat, ist irgendwie unbeschreiblich. Da fällt einem manchmal ein Stein vom Herzen. Dieses Gefühl ist bei mir einzigartig und gibt mir nur das Skaten“, beschreibt er seine Leidenschaft.

Er würde sich wünschen, dass mehr Menschen das Skaten einfach mal ausprobieren. Sich auf ein Skateboard stellen. Den Sport und die Szene kennenlernen. Skate-Neulingen rät er dranzubleiben. Nicht aufzugeben. „Der Anfang ist immer schwer und man braucht sehr viel Geduld. Man muss es wollen. Der Rest kommt dann von ganz alleine“, so Richard. Nachdem wir uns verabschiedet haben, steigt er aufs Brett und skatet weiter.

Ich habe ein Grinsen im Gesicht. Ein kurzer Ausflug in Jugendtage. Ein Gespräch voller Inspiration. Wenn Menschen etwas im Leben gefunden haben, das in ihnen eine große Leidenschaft erweckt, ist das immer inspirierend. Packend irgendwie. Und schön. Jeder Mensch sollte etwas im Leben haben, in das man so viel Herzblut steckt. Stecken möchte. Einfach weil man das liebt, was man tut. So wie Richard das Skaten.                               Sophia Angermair

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