Das erstKlassiK-Sommerfestival 2026 stand ganz im Zeichen des Akkordeons — und wurde zu einem Wochenende, das man in Hallbergmoos nicht so schnell vergessen wird. Bis zu 37 Grad zeigte das Thermometer. Die Musikerinnen und Musiker probten bereits am Freitag den ganzen Tag und am Samstag weiter bis kurz vor dem Konzert. Dass unter solchen Bedingungen dennoch zahlreiche Besucherinnen und Besucher kamen, sagte viel über die Erwartung an dieses Festival — und über die Neugier auf ein Instrument, das viel zu oft unterschätzt wird.
Ein neuer Konzertort als Glücksfall
Wegen der extremen Temperaturen wurde das Eröffnungskonzert kurzfristig vom Gemeindesaal in die Herz-Jesu-Kirche Goldach verlegt; schließlich fanden beide Konzerte dort statt. Die Gemeinde reagierte schnell, Pfarrer Gruber stellte den Kirchenraum zur Verfügung, und Vladimir Genin dankte vor Konzertbeginn ausdrücklich für diese Hilfe. Die Entscheidung erwies sich nicht nur praktisch, sondern auch musikalisch als Glücksfall. Die Kirche bot eine klare, tragende Akustik, die den Klang nicht verschluckte, sondern öffnete. Auch die Musikerinnen und Musiker sowie der anwesende Komponist empfanden den Raum als überraschend geeignet.
Das Akkordeon als Konzertinstrument
In seiner kurzen Einführung sprach Vladimir Genin ein Vorurteil an, das dem Akkordeon noch immer anhaftet: Für viele ist es bis heute eher ein Instrument der Straße, des Volksfestes oder der Begleitung. Genau dieses Bild sollte der Abend widerlegen. Sinngemäß sagte Genin: Man werde gleich hören, was dieses Instrument heute sein kann. Und tatsächlich zeigte sich das Akkordeon an diesem Wochenende nicht als Randerscheinung, sondern als eines der stärksten Konzertinstrumente unserer Zeit: klangmächtig, beweglich, virtuos, empfindlich — und mit Möglichkeiten, die weit über gängige Vorstellungen hinausreichen.
Marko Ševarlić und das Zentaur-Quartett
Man weiß inzwischen, dass bei erstKlassiK immer wieder Musikerinnen und Musiker von außergewöhnlichem Niveau nach Hallbergmoos kommen. Und doch ist es jedes Mal erstaunlich, wenn Künstler dieses Formats hier auftreten. Am ersten Abend war es Marko Ševarlić — einer der prägenden Akkordeonisten unserer Zeit. Mit dem Zentaur-Quartett, verstärkt durch Jurgis Buinevičius am Kontrabass, entstand ein wirklicher Orchesterklang: gespannt, farbig, präzise, mit Kraft und mit Nerven. Ronja Sophie Putz, Marc Kaufmann, Katharina Schmauder und Caio de Azevedo spielten mit jener Wachheit, die neue Musik braucht: ohne Absicherung, ohne Routine, mit der Bereitschaft zum Risiko.
Bach in neuem Klanggewand
Der Abend begann mit Johann Sebastian Bachs f-Moll-Konzert BWV 1056, das vielen als Cembalo- oder Klavierkonzert vertraut ist und hier in einer Fassung mit Akkordeon erklang. Schon hier wurde klar, dass das Instrument nicht als exotischer Ersatz auftrat, sondern als eigenständige Stimme: atmend, kantabel, klar artikuliert. Das Akkordeon übernahm nicht einfach eine bekannte Solopartie, sondern gab ihr eine andere Farbe, eine andere Körperlichkeit, eine andere Spannung.
Vladimir Genins Akkordeonkonzert
Danach folgte Vladimir Genins Konzert für Akkordeon und Streicher, das 2024 bereits mit Marko Ševarlić in der Berliner Philharmonie erklungen war. In Goldach zeigte sich die kammermusikalische Fassung noch unmittelbarer. Die Musik wechselte zwischen improvisatorischer Freiheit, scharfer rhythmischer Energie, dunkler Lyrik und grotesker Burleske. Sie verlangte nicht nur technische Brillanz, sondern Mut zur Farbe, zum Bruch, zur zugespitzten Geste. Gerade in der kleineren Besetzung wurde hörbar, wie genau die Stimmen ineinandergreifen und wie orchestral dieser Klang dennoch werden kann. Das Publikum nahm dieses zeitgenössische Werk nicht vorsichtig oder bloß höflich auf, sondern mit großer Offenheit — und am Ende mit Begeisterung.
Erinnerung an Sarajevo
Ein besonderer Moment des Abends war Mikołaj Majkusiaks „Romeo und Julia aus Sarajewo“. Hier trat Dragana Gajić an der Bratsche hinzu; sie spielte an diesem Abend gerade in diesem Werk. Das Stück erinnert an Boško Brkić und Admira Ismić, das junge Paar aus Sarajevo, das 1993 auf der Vrbanja-Brücke erschossen wurde und später als „Romeo und Julia von Sarajevo“ bekannt wurde. Dass dieses Werk von Marko Ševarlić, einem serbischen Akkordeonisten, und Dragana Gajić, einer aus Bosnien stammenden Bratschistin, gespielt wurde — beide auch im Leben ein Paar — gab der Aufführung eine zusätzliche, sehr persönliche Spannung. Gajić wurde im Jahr dieser Tragödie geboren. Hier ging es nicht um Illustration, sondern um Erinnerung: Liebe, Krieg, Verlust, Atemlosigkeit. Die Kirche wurde für einige Minuten sehr still.
Piazzolla und stehende Ovationen
Nach der Pause folgten Astor Piazzollas „Five Tango Sensations“ — nicht als Salon, nicht als Show, sondern als konzentrierte, innere Musik. Ševarlić hatte sich zu Beginn beim Publikum bedankt, dass es trotz der schwierigen Bedingungen gekommen war. Als er nach der Pause wieder auftrat, fragte er lachend: „Sie sind immer noch da?“ Das Publikum lachte — und war endgültig bei ihm. Am Ende stand der Saal auf.
Ein Solorecital von außergewöhnlichem Format
Der zweite Abend gehörte Maciej Frąckiewicz — einem Musiker, der heute zu den führenden Akkordeonisten Europas zählt und das zeitgenössische Repertoire für sein Instrument entscheidend mitprägt. Was er aus einem einzigen Instrument herausholte, hatte monumentale Dimensionen: Klangflächen, Atem, Registerwechsel, perkussive Schärfe, Virtuosität und eine fast orchestrale Wucht. Das Programm reichte von Bogdan Precz und Bartłomiej Pękiel über Norbert Palej, Bach, Aleksander Dębicz, Scarlatti, Andrzej Tuchowski und César Franck bis zu Krzysztof Penderecki. Besonders eindrucksvoll war Pendereckis „Sinfonietta“ in der Akkordeonfassung von Maciej Frąckiewicz — einer Fassung, die, wie der Solist berichtete, für ihn entstand. Hier wurde das Akkordeon nicht kleiner als ein Orchester, sondern zeigte seine eigene Größe: scharf, dunkel, atmend, von fast orchestraler Wucht.
Nachwuchsförderung im Meisterkurs
Zum Festival gehörte auch ein Meisterkurs, der trotz der schwierigen äußeren Bedingungen erfolgreich durchgeführt wurde. Geleitet wurde er von den Professoren Maciej Frąckiewicz und Marko Ševarlić. Einige Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren im Abschlusskonzert zu hören: Hasan Muratović spielte den ersten Satz aus Anatoly Kusyakovs Sonate Nr. 6, Bela Brichzin Dmitri Schostakowitschs Präludium und Fuge Nr. 5 in D-Dur. Ein Trio mit Mihajlo Obradović, Lucas Wiedenmann und Gabriel Niembs präsentierte die ersten drei Sätze aus Mikołaj Majkusiaks „5 Thoughts about Moniuszko“.
Die Botschaft eines außergewöhnlichen Wochenendes
Auch hier zeigte sich, dass das Akkordeon längst nicht mehr nur ein Instrument der Tradition ist, sondern ein ernstzunehmendes Konzertinstrument der Gegenwart. Vielleicht war das die stärkste Botschaft dieses Wochenendes: Moderne Musik wurde nicht geduldet, sondern gefeiert. In beiden Konzerten nahm sie einen großen Raum ein, und das Publikum reagierte nicht vorsichtig, sondern offen, neugierig und begeistert. Trotz der kurzfristigen Verlegung, trotz der hohen Anforderungen an Musiker und Zuhörer wurde das erstKlassiK-Sommerfestival 2026 zu einem außergewöhnlichen Ereignis. Ein Wochenende, das zeigte, wie groß, wie beweglich und wie erschütternd das Akkordeon heute klingen kann.




