Ehrlicher Hip-Hop jenseits der Klischees

Nach 25 Jahren Freundschaft haben die Hallbergmooser Rapper Microwave und Ändinger ihr erstes gemeinsames Album veröffentlicht

Andreas Eichner alias Ändinger (vorne) und Markus Beck alias Microwave haben ihr erstes gemeinsames Album herausgebracht.

Es ist ein warmer Spätsommernachmittag in Hallbergmoos, als Markus Beck und Andreas Eichner an einem Gartentisch Platz nehmen. Um sie herum das vertraute Chaos des Familienlebens: Kinder toben, Hunde bellen. Vor ihnen liegt ihr erstes gemeinsames Album – 15 Tracks voller Erinnerungen und Ehrlichkeit.

„Højbjergs Moses“ heißt das Werk, das die beiden unter ihren Künstlernamen Microwave und Ändinger veröffentlicht haben. Ein kryptischer Titel, der sich als Wortspiel mit ihrer Gemeinde entpuppt. Wie Moses haben auch Beck (40) und Eichner (41) eine lange Wanderung hinter sich – nur dass ihre Wüste zwischen Jugendträumen und Erwachsenenrealität lag.

Rivalität am Skateplatz

Die Geschichte beginnt 1999 am damaligen Hallbergmooser Skateplatz. Eichner, gerade von Haimhausen zugezogen, bringt sein Skateboard und ein kleines Heimstudio im Kinderzimmer mit. Beck wird von den Ghettoblaster-Sessions angezogen. Auch das beschauliche Hallbergmoos entwickelt eine recht rege Hip-Hop-Szene, wie sie sich erinnern.
Die Freundschaft beginnt paradoxerweise mit einer Rivalität. Zwei Crews bilden sich: Ändingers „Schlemmerstyles“ und Becks „Zeig Deinen Flow“ – kurz ZDF. Es gibt sogar
musikalische Diss-Tracks – heute lachen beide darüber.

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Kreativität in der Krise

Der entscheidende Impuls für das gemeinsame Projekt kam während Becks Reha-Aufenthalt 2024 nach einer Hüft-OP: Microwave saß am Chiemsee, sein Körper brauchte Ruhe, sein Kopf Ablenkung. Er fand Zeit, sich seiner „alten Liebe, der Musik“ zu widmen. Gleichzeitig sortierte Eichner sein Leben neu, baute Beats, schrieb Texte. Über Nachrichten und Sprachnotizen blieben sie im Austausch. „Wir haben uns gegenseitig kleine Reime zugeschickt, erst zum Spaß. Irgendwann hatten wir einen Ordner voller Ideen“, erinnert sich Beck. „Wir haben uns gegenseitig herausgefordert und gleichzeitig getragen.“

Familienväter mit Flow

Das Ergebnis ist ein Album, das mit Hip-Hop-Klischees bricht. Statt Gangster-Romantik gibt es Familienalltag, statt Proll-Gehabe ehrliche Selbstreflexion. Beide sind Väter – Eichner einer elfjährigen Tochter, Beck zweier Söhne (6 und 7). „Wir machen Songs, die unser Leben auch widerspiegeln“, betont Eichner. Besonders deutlich wird das im Track „Darf ich ich sein?“, in dem Beck offen über seine Angst- und Panikstörungen spricht. „Es ist ein Appell“, erklärt er. „Darf ich ich sein in der heutigen Zeit, oder muss ich eine Maske aufsetzen?“ Eichner interpretiert das Thema aus seiner Perspektive – als jemand, der sich jahrelang verstellen musste.

Statement gegen KI

Bemerkenswert ist ihr Statement gegen Künstliche Intelligenz in der Musik. In zwei Tracks („Mocrowave & Endinger“, „Nein, schon aus Prinzip“) experimentieren sie bewusst mit KI-generierten Texten – nur um zu demonstrieren, dass echte Kreativität unersetzlich bleibt. „Die KI kann viel, sie kann uns zu 90 Prozent kopieren, aber nicht zu 100 Prozent“, argumentiert Eichner.

Ein Ventil für die Seele

Das Cover greift die Gemeinde-Farben auf und zeigt stilisierte Rohrkolben – eine Referenz an das Hallbergmooser Wappen. Das Album ist auf allen Streaming-Plattformen verfügbar, doch um das große Geschäft geht es den beiden nicht. „Pro Song 0,2 Cent“, da kann Beck nur drüber lachen. Vielmehr sei es „wie ein Tagebuch schreiben“, ein Ventil für die Seele.

Am Ende bleibt das Bild zweier Männer, die keine Angst davor haben, ihre Brüche hörbar zu machen – und darin eine erstaunliche Stärke finden.

 

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