In einem Klassenzimmer der Mittelschule bietet sich ein ungewohntes Bild: Graue Köpfe beugen sich über Smartphones, neben ihnen sitzen Zwölf- und Dreizehnjährige, die geduldig erklären, wischen, tippen. An einem Tisch ringt eine ältere Dame mit einem Problem: Beinahe nach jedem Wort, das sie in ihrer Kreuzworträtsel-App eingibt, ploppt Werbung auf. „Das nervt unwahrscheinlich“, sagt sie und schaut hilfesuchend zu den Schülern an ihrem Tisch. #
Die Lösung ist verblüffend einfach: WLAN ausschalten. „Wenn Internetempfang ist, kommt immer Werbung“, erklärt einer der Schüler. „Also die Verbindung trennen, dann geht’s nicht.“ Gemeinsam navigieren Teenager und Seniorin durch die Einstellungen, zeigen wo das WLAN-Symbol zu finden ist. Die Seniorin schreibt sich alle Schritte auf ihren Block.
‚Digital Natives‘ treffen auf die Generation Wählscheibe
Bei der digitalen Sprechstunde treffen Welten für die Wischgesten so selbstverständlich sind wie Atmen – und die der Generation, die noch mit Wählscheibentelefonen groß geworden ist. Stefanie Schütze vom Arbeitskreis Digital hatte die Idee für das Projekt – als ihre Eltern sie wieder einmal mit Fragen bombardierten. „Ich habe mir gedacht, was
machen denn die armen Leute, die keine Enkelkinder oder Kinder haben, die sie fragen können?“ Also suchte sie nach Freiwilligen, idealerweise Schüler. „Die kennen sich ganz toll aus.“
Seniorenbeirat ist begeistert
Der Seniorenbeirat war sofort begeistert. Und dann kam das große Glück: Birgit Tenbrink, Lehrerin an der Mittelschule, hatte das Konzept bereits in Neufahrn erprobt. „Da war der Zulauf extrem groß“, erinnert sie sich. Das ist allerdings zehn bis fünfzehn Jahre her. Tenbrink war anfangs skeptisch: „Vielleicht ist der Bedarf auch gar nicht mehr da, weil die Leute sich wahrscheinlich besser auskennen.“
Sie irrte sich. Der Ansturm war groß. Sieben Seniorinnen und Senioren waren bei der Premiere dabei. Mit ihrer Ethikgruppe der siebten Klasse wagte Tenbrink den Versuch. Schulleiter Weichs war „sofort total begeistert“, vor allem wegen der Kommunikation zwischen den Generationen. „Das gibt es ja wirklich nicht mehr oft“, weiß die Lehrerin.
„Weil viele Familien weit voneinander entfernt wohnen, Omas und Opas haben keine Angehörigen in der Nähe, die sie fragen können.“
Mehr als nur Technik
Tenbrink staunte bei den Vorbereitungen nicht schlecht, welch „gewaltiges Wissen“ die Kids haben. Auf Fragen, von denen sie nicht einmal wusste, dass man sie stellen könnte, hatten die Kinder Antworten parat. Themen wie Passwort-Sicherheit und Betrugsmaschen besprachen sie vorab. Nur eine klare Grenze zogen die Lehrerinnen: „Alles, was mit Geld zu tun hat, machen wir nicht.“ Kein Online-Banking also. Hilfe beim Self-Checkout im Supermarkt vielleicht schon.
Josef Scherer (85) ist besonders vertieft ins Beratungsgespräch mit Linus, Eric und Jannis. Die drei Burschen sind die Cracks der Klasse – das merkt auch der Senior, der Frage um Frage stellt. Ludwig Wiesheu (87) erklären seine jugendlichen Berater wie man über Whatsapp-Nachrichten schickt und Fotos anschaut. Renate Wagner (67) konnte keine E-Mails senden und empfangen. Das Problem haben Alina und Luna gelöst, auch wenn’s schon ein bisserl knifflig war. Aber sie wussten Rat: Sie haben die alte App gelöscht und eine neue aufs Handy geladen. Fall erledigt. Auch Robert Wäger (64), stellvertretender Landrat, ist einer der sieben Senioren im Klassenzimmer. Er lässt sich zeigen, wie man ein Instagram-Video mit Text versieht.
Am Tisch mit dem „Werbungsproblem“ geht es weiter. Die Dame spielt gern Wortspiele und Sudoku: „Das ist meins“, sagt sie. Manche Spiele brauchen aber WLAN, warnen die Schüler. „Da müssen Sie halt leider mit der Werbung leben.“ Die Seniorin nickt. Sie übt jetzt noch einmal: WLAN aus, WLAN an, zweimal tippen. „Das muss ich mir merken“.
Es ist schön anzusehen, das Miteinander von Senioren und Schülern. Ein Empfangskomitee am Schuleingang hat den älteren Semestern das Ankommen leicht gemacht.
„Es hat den tollen Nebeneffekt, dass es wirklich generationsübergreifend ist“, sagt AK-Leiterin Schütze. Nicht jedes Kind hat noch Großeltern in der Nähe. Und umgekehrt erleben die Senioren, „was wir für nette Kinder wir hier haben“, wie Tenbrink betont. Sie ärgert sich über den schlechten Ruf der Mittelschule im Allgemeinen. Auch dagegen gilt es ein (Ausrufe-) Zeichen zu setzen.
Zwei Generationen haben sich ein Stück näher kennengelernt – Wisch für Wisch.

