Harley schleppt seinen Gaming-PC in den Gemeindesaal. Der 45-jährige Ingenieur aus Kuba, der in Donauwörth für den größten Hubschrauber-Hersteller der Welt arbeitet, lebt mit seiner Familie in Hallbergmoos. Zusammen mit zwei Freunden aus München baut er seinen Rechner auf, verlegt Kabel, testet die Verbindung, macht den Sicherheitscheck bei Matthias Hartl. Dann kann die LAN-Party auch für ihn beginnen.
„Wir spielen immer, wenn uns Beruf und Familie dafür Zeit lassen“, erzählen Harley und seine Freunde Manuel (42) und Marco (23) im Interview, das wir auf Englisch und Deutsch führen. Meistens treffen sie sich „online“, erzählen sie. Heute mischen sie sich unter die 18 „Gamer“ im Saal.
Genau das ist die Idee hinter dieser LAN-Party, die der Arbeitskreis Digital am 21. November veranstaltet hat. „Eigentlich wollen wir Leute nicht zum Computer hinbringen, sondern die Kinder und Erwachsene, die eh schon am Computer sitzen, hierher“, erklärt Thomas Mach, 37, Webdesigner und stellvertretender Leiter des AK Digital. Also: Raus aus den Zimmern, unter Leute.
Nur wenige Kids nehmen die Einladung an
Doch das Experiment zeigt auch, wie schwer das heute ist. Der Nachmittag, gedacht für Kinder und Jugendliche zwischen 12 und 17 Jahren, ist nur mäßig besucht. Kurzfristige Absagen wegen Krankheit dezimieren die Runde zusätzlich – auf neun Kids. Die erhoffte lebendige Runde, das ganz große Miteinander zwischen Minecraft und Trackmania: Es bleibt an diesem Nachmittag Wunschdenken.
Michael Fischer, 55, selbständiger IT-Berater und Leiter des AK Digital, nimmt es gelassen. Auch wenn gerade der „Kinder-Nachmittag“ für ihn eine Herzensangelegenheit ist. „Ich bin von einem Vater angesprochen worden, der mir von seinem Sohn erzählt hat, dass der sich völlig zurückzieht“, erzählt er.
Fischer erinnert sich an seine eigene Jugend Ende der 80er-Jahre, als es in Hallbergmoos einen Computerclub gab. „Damals hatte das eine soziale Komponente: Wir trafen uns, um zusammen am Computer zu spielen.“ Disketten mit Spielen, wie er sie damals hortete, kennen die Kids von heute nur aus Erzählungen.
Retro-Idee mit modernen Hürden
Der Begriff LAN – Local Area Network – stammt aus jener Zeit, als Spieler ihre Computer physisch miteinander verkabeln mussten. „Man hat sich bei irgendjemanden getroffen, der sturmfrei hatte oder ein großes Zimmer“, erinnert sich Norbert Pitters, 52, IT-Security-Experte bei einer Bank. Damals schleppten Enthusiasten ihre „Schubkarrenmonitore“ zu LAN-Partys. Heute sind die Bildschirme leichter, das Internet schneller – aber die Herausforderungen andere. „Die meisten Spiele brauchen heute eine Internetverbindung, weil man sich da anmelden muss“, erklärt Pitters, der für die Veranstaltung einen 5G-Router mitgebracht hat. „Wir haben leider keine einfache Möglichkeit, an Glasfaser ranzukommen.“
Pitters hat drei Kinder, zwei im Gaming-Alter. „Die spielen zu Hause mit Freunden. Aber das geht halt übers Internet. Man sieht sich eigentlich nicht leibhaftig.“ Seine Kinder wünschten sich irgendwann selbst LAN-Partys zum Geburtstag – „mit einem Kasten Spezi und etwas zum Essen“.
Erwachsene mit schärferen Kalibern
Ab 18 Uhr übernehmen die Erwachsenen und „schärfere Kaliber“ wie Counter Strike 2 den Saal. Viele bringen beeindruckende Geräte mit: große, bunt beleuchtete PCs mit breiten Monitoren. Die stille Konzentration der Menschen mit Kopfhörern wird im Verlauf der Nacht nur von der Pizzalieferung und Fachsimpeln unterbrochen. Auch eine Gruppe der Feuerwehr Hallbergmoos zockt mit.
Harley spielt daheim oft mit seiner zwölfjährigen Tochter. An diesem Abend ist sie nicht dabei. Sie ist mit der Mutter zum Schlittschuhlaufen am Flughafen. Es ist genau diese generationsübergreifende Komponente, die dem AK Digital wichtig ist.
Testballon für künftige Ausrichtung
Der Arbeitskreis Digital ist gerade dabei, sich neu zu erfinden. Vor etwa sechs Jahren von Robert Wäger gegründet, um die Digitalisierung im Rathaus zu begleiten, drohte er zwischenzeitlich ganz von der Bildfläche zu verschwinden. Fischer übernahm die Leitung, Mach wurde sein Stellvertreter. Pitters stieß Anfang 2025 dazu. Eine Bereicherung auch ist auch Stephanie Schütze: Die von ihr initiierte digitale Seniorensprechstunde an der Mittelschule stieß auf großes Interesse (DER HALLBERGER berichtete). Die LAN-Party ist ein weiterer Testballon.
Zufrieden mit der Qualität, nicht mit der Quantität
Als Fazit und Feedback der Teilnehmer nimmt Thomas Mach mit: „Mit der Qualität sind wir mehr als zufrieden. Was die Quantität angeht, hätten es ruhig ein paar mehr Teilnehmer sein dürfen.“
Die digitale Welt gemeinsam erleben zu wollen, ist eine gute Idee. Sie zum Leben zu erwecken: Dazu braucht mehr als einen Novembertag und einen verkabelten Saal. Es braucht Zeit, Geduld und die Erkenntnis, dass das Analoge im Digitalen heute schwerer zu finden ist als in den 80er-Jahren, als man noch Disketten tauschte.
