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100 Jahre SV Siegfried

Ringer-Traditionsclub aus Hallbergmoos hat Sportgeschichte geschrieben

Das traditionelle Scheitelknien vorm 100-jährigen Jubiläum nahmen (v.l.) SVS-Chef Michael Prill, Beate Prill, Thomas Kopp, Ergün Aydin, Wolfgang Lex, Damian Edfelder und Philipp Schosser auf sich. Mit Fahnenmutter Silvia Edfelder (hinten links) und Conny Zentz im Rücken: deren beiden Großväter, Jakob und Andreas Rampf, gehörten zu den Gründungsmitgliedern des SV Siegfried anno 1922. © Eva Oestereich

Freitag, 10. Juni 2022: Es war kein Zufall, dass sich just an diesem Tag eine kleine, aber erlesene Schar von Ringern bei Silvia Edfelder eingefunden hat, um ihr die „Fahnenmutterschaft“ anzutragen. Denn es ist ein geschichtsträchtiges Datum: Genau 100 Jahre zuvor, am 10. Juni 1922, schlug die Geburtsstunde des SV Siegfried.

20 junge Männer hatten sich damals im Gasthaus Klösterl zusammengefunden, um einen Schwerathletik-Verein zu gründen. Einer der Männer der ersten Stunde: Jakob Rampf, der Großvater von Silvia Edfelder. Unter ihnen auch Johann Riedmeier, Andreas Rötzer, August Rötzer, Michael Peischl, Josef Weber, Hans Maier, Thomas Maier, Jakob Ebner, Josef Lex, Hans Dichtl, Kajatan Hartmann, Michael Wachinger, Josef Riedmeier und Andreas Rampf: „Der Anderl“ arbeitete als Sattler in München und lernte quasi nebenan beim Verein „Apollo“ die ersten Griffe. Er brachte Idee und Leidenschaft nach Hallbergmoos – aus dem „Des mach ma a“ entstand quasi der SV Siegfried – mit „Anderl“ später dann der erste offizielle Trainer.

Bezirksmeister wurde die „Rundgewichtriege“ 1930 (v.l.) Josef Streitberger, Josef Schranner, Andreas Rampf, Ludwig Gruber, Josef Rampf, August Hippele, Josef Frombeck, Josef Wimmer und Jakob Rampf

Mit dem Pferdefuhrwerk zu Auswärtskämpfen

Hilfestellung bei den ersten Gehversuchen gab die Sportvereinigung Freising, die schon 10 Jahre vorher Laufen gelernt hatte. Trotzdem: Die wirtschaftliche Lage war schwierig, es gab keine Umkleiden und Duschen, geschweige denn Matten. Die Bevölkerung war den jungen Burschen gegenüber reserviert: Sie sollten lieber arbeiten als ringen, hieß es. Das hielt die Burschen nicht ab. Mit dem Pferdefuhrwerk oder Fahrrad reisten sie zu Auswärtskämpfen. 1927 konnte sie sogar Geld für die erste Vereinsstandarte zusammenkratzen. Nach einer kurzen, sportlichen Blütezeit mit Erfolgen bei Kreis-, Bezirks- und Süddeutschen Meisterschaften kam der Sportbetrieb Mitte der 1930’er Jahre wegen der politischen Ereignisse fast völlig zum Erliegen, lediglich die Gewichtheber – bei der SpVgg Freising als Gäste untergekommen – durften einige Erfolge einfahren.

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Ringen im Wirtshaus

Weil es im Gasthaus Klösterl allmählich zu eng wurde, zogen die Ringer am 10. Oktober 1953 ins Café Stegherr um: Dort war mehr Platz, es gab Duschen und einen Trainingsraum. Fast zeitgleich begann der Aufstieg des SV Siegfried: 1955 der Aufstieg in die Oberliga. Wettkämpfe im Ausland gegen namhafte Staffeln aus Italien, der Türkei, Iran oder Schweden und die Verpflichtung des türkischen Trainers Talat Karman hoben das Leistungsniveau weiter.

Die „Erste“ des Jahres 1952 (v.r.) Heribert Wagner, Peter Haslauer, Franz Tremmel, Hans Hartshauser, Josef Busl, Lorenz Gruber, Otto Busl, Anselm Wimmer und Vorstand Ludwig Gruber

Gründungsmitglied der 1. Bundesliga

1964 schlug für den Verein die erste Sternstunde: Der SVS wurde zum Gründungsmitglied der neuen 1. Bundesliga, nachdem man sich als 2. Bayerischer Mannschaftsmeister auch in der süddeutschen Qualifikation durchgesetzt hatte. Nun stand der Verein allerdings vor einem Problem: Die vorgeschriebene, Bundesliga-taugliche Mattengröße von 8 x 8 Metern war im Gasthaus Stegherr nicht unterzubringen. Ein Jahr konnte man mit einer Ausnahmegenehmigung (6×6 m) überbrücken.

In Rekordzeit baute man 1965 eine Vereins-eigene Ringerhalle.

Hallenbau in Rekordzeit

Aber es musste schleunigst eine Lösung her. Am 3. Januar 1965 folgte man dem Vorschlag von Ludwig Gruber, 1. Vorsitzender des SVS und späteren Bürgermeister (1966 – 1984), eine eigene Halle zu bauen.  Dem Spatenstich am 15. Mai stieg – kaum zu glauben! – drei Monate später der Eröffnungskampf am 15. August gegen eine Stadtauswahl auf Bordeaux und am 23. Oktober 1965 die offizielle Einweihung.

Eine Meisterleistung, die 6000 freiwillige Arbeitsstunden der Mitglieder, 45.000 Mark Spenden und der günstigen Erbpacht von Anni und Karl Stegherr zu verdanken ist. Mit der eigenen Halle hat sich der Verein vielseitigen Respekt – und zugleich den Weg zu einem der führenden deutschen Ringerclubs geebnet.

1977 wurde mit der Hallenerweiterung (für 360.000 Mark) begonnen, 1980 nahm man die Innen-Sanierung in Angriff.  1990 endete die Ära: Der Verein zog in die neu erbaute Hallberg-Halle um. 2020 wurde die ehrwürdige alte Halle, wo Sport und legendäre Ringerbälle zu Hause waren, abgerissen, um einer wichtigen Ortsstraße (Predazzoallee) Platz zu machen.

Peter Neumair: Modelathlet, Vize-Europameister und Olympia-Sechster 1972 in München.

Die Goldenen Sechziger

Unvergessen bleiben auch die sportlichen Erfolge der 60‘ er und 70‘er Jahre: Von 1966 bis 1968 war die SVS-Jugend Deutscher Mannschaftsmeister. 1970 rang sich die Siegfried-Staffel ins Halbfinale der DM. 1972 holte man in der Bundesliga-Süd den Titel.

Und dann kam Peter Neumair – ein Modellathlet und der erfolgreichste Ringer des Vereins: Er holte ein Dutzend nationale Meistertitel, wurde 1972 in München Olympia-Sechster und Vize-Europameister im freien Stil. Wegen des Olympia-Boykotts 1980 (Moskau) konnte sich Neumair – obwohl in Top-Form – nicht mit Edelmetall belohnen. Daraufhin beendete er mit 30 seine Bilderbuch-Karriere.

Auf und Ab’s

Wechselhaft verliefen die 1980’er und 1990’ er Jahre: 1980 verabschiedete sich SVS nach 17 Jahren aus der 1. Bundesliga. Es gelang zwar noch einmal der Wiederaufstieg, blieb dann aber lange Jahre zweitklassig. Diese Zeit brachte aber auch neue Talente, Ausnahmeringer und eine neue Trainer-Generation hervor: Sepp Fritsch, Gustav Dubelowski und Peter Neumair bauten mit Geschick, Know-how und Einfühlungsvermögen auf Eigengewächse. Seinem Ruf als Talentschmiede machte Hallbergmoos alle Ehre: Thomas Mittermüller wurde 1984 Militär-Weltmeister, Walter Beck 1989 Vize-Europameister (Jugend).

Brigitte Wagner (Mitte),. Christina und Annika Oertli legten eine beeindruckende internationale Karriere hin - und trugen sich ins Goldene Buch der Gemeinde ein. © Eva Oestereich

1994 machten drei starke Frauen von sich reden: Silvia Edfelder wurde als erste Hallbergmooserin Deutsche Meisterin. Im gleichen Jahr holten Christina und Annika Oertli jeweils die Deutsche Vizemeisterschaft. Christina holte bei der EM später noch die Bronzemedaille.

1995 schnürte die damals elfjährige Brigitte Wagner zum ersten Mal bei der DM ihre Ringerschuhe – und setzte zu einer einzigartigen Karriere an. Sie gewann in jeder Altersklasse (Jugend, Juniorinnen, Frauen) Europa- und Weltmeistertitel. Sie war 2002 die erste Deutsche, die sich zur Weltmeisterin küren lassen durfte. 2004 erfüllte sie sich ihren größten sportlichen Traum: Sie startet bei den Olympischen Spielen in Athen – und belegte Rang 6. Sie ist damit neben Peter Neumair – die erfolgreichste Ringerin im Siegfried-Dress.

Die jungen Wilden

1991 meldete sich sie Siegfried-Staffel von Sepp Fritsch mit einem spektakulären Kampf in der neuen Hallberg-Halle vor 2000 Zuschauer gegen Freiburg-Haslach in der 1. Liga zurück. 1995 wurde die Bundesliga eingleisig, Josef Niedermair – seit 2021 erster Bürgermeister der Gemeinde – übernahm die Vereinsführung und das Bosman-Urteil eröffnete dem Verein neue „internationale“ Möglichkeiten: Seitdem gehörten – vornehmlich schwedische – „Hochkaräter“ zum Kader.

1998 übernahm mit Sonny Davidson ein Schwede auch den Trainerposten. Nach der Jahrtausendwende erlebt die mit internationalen Top-Ringer gespickte Bundesliga-Mannschaft seine erfolgreichsten Jahre – 2006 gekrönt von der Vizemeisterschaft.

Die große Zäsur

Nachdem sich die Preisspirale für Topringer weiter und weiter nach oben schraubte, konnte der SVS Siegfried nicht mehr mithalten. Zugleich musste der Verein seine Finanzen konsolidieren. 2013 erlebt der Verein schließlich die größte Zäsur seiner Geschichte: Michael Prill, damals 21 Jahre jung, übernahm den Vorsitz – und machte seine Ankündigung wahr: Er wagte den sportlichen Neuanfang, zog den SVS aus der Bundesliga zurück – und meldete das Team in der Bayernliga. Begleitet von hitzigen Diskussionen und Schlagzeilen wie „Dinosaurier Siegfried am Ende“.

Prills Philosophie, die Struktur der „Ersten“ zu verändern, trug Früchte: Neben einigen wenigen internationalen Spitzenringern setzte die junge Vorstandschaft verstärkt auf „Eigengewächse“. Allen voran Ergün Aydin, Thomas Kopp, Manuel Striedl, Prill selbst sowie Andi Walter aus der unmittelbaren Umgebung und Ahmet Bilici, der mittlerweile im Ort verwurzelt ist. Das sportlich, finanziell und menschlich ausgewogene Konzept ging auf. Die Erfolge reihten sich aneinander, 2016 kehrte die Staffel in die 1. Liga zurück.

 Nach einem neuerlichen Rückzug (2019) wird der SVS nun zum 100-jährigen Jubiläum 2022 in der 2. Bundesliga (Süd) mitmischen. Die „Zweite“ geht in der Oberliga an den Start. Und nach den jüngsten nationalen Einzelerfolgen – von Senioren wie Schülern – darf man davon ausgehen, dass der SV Siegfried seiner Erfolgsgeschichte nach einige Kapitel hinzufügen wird.

Eva Oestereich

Sport, Topnews

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